Britta Kowalski: Heimat

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Britta Kowalski

Mit dem Lernen von Sprachen habe ich früh angefangen. Mein erstes Wörterbuch war ein Bündel vergilbter Seiten mit Listen russischer Wörter die meine Großvater väterlicherseits gehört hatten. Sie waren bei seiner persönlichen Habe, die meiner Großmutter geschickt wurde, nachdem er in einem Lazarett in Polen gestorben war. 
Ab der 5. Klasse lernten wir dann Russisch in der Schule, ab der 7. Englisch. 
Das war mir aber nicht genug. Das Westfernsehen, genauer das 3. NDR Programm, brachte jeden Sonnabend morgen einen Spanischkurs. Da rückte ich immer mit Heft, Stift und Kassettenrecorder an.

Ich wollte immer reisen und die Welt sehen. Das scheint kein ungewöhnlicher Wunsch – aber ich wurde 1964 in der Deutschen Demokratischen Republik, der DDR geboren, dem ersten Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden, wie er sich nannte, und hier gab es die Mauer, und die Grenzanlagen an der innerdeutschen Grenze.

Das Studium der Agrarwissenschaften in Rostock eröffnete die winzige Möglichkeit der Forschung im Ausland. Ich schloß früher ab, um einen intensiven Spanischkurs an der Universität zu besuchen.  Ich lernte Labortechniken und bereitete in-vitro Pflanzenmaterial vor, hunderte Reagenzgläser mit kleinen Kartoffelpflanzen. 
Mein Blick war nur auf die Ferne fixiert, wie mit Scheuklappen; manchmal hielt ich sogar den Atem an. 
Es war immer noch ein sehr langer Weg, bis ich im Interflug -Flugzeug saß. 
Ich habe erst später begriffen, wie mein Professor seine schützende Hand über mich hielt, was auch nötig war, denn ich war nicht in der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, SED, und meine Diplomarbeit zur Beschädigungsempfindlichkeit der Kartoffel leitete ich nicht mit dem üblichen politischen Vorwort ein. Das war kein Akt der Rebellion; die Wahrheit ist, daß ich die nötigen Phrasen einfach nicht verinnerlichen konnte, weil sie mir nur als hohles Getöse erschienen. Es war ein Zufall, daß meine Stasi-Akte an der Universität keine Information über meine „Grenzaktion“ vor mehr als 10 Jahren enthielt*; damals gab es ja noch keine digitale Vernetzung. Später las ich in meiner Stasi-Akte, daß der auf mich angesetzte Informant alles verschwieg, was mir geschadet hätte, und nur berichtete, daß ich sehr an meiner Familie hing und jedes Wochenende nach Hause fuhr. So war ich nie als potentieller Republikflüchtling verdächtig.

Dann war es soweit. Da stand ich also mit den Füßen im weißen Sand eines karibischen Strandes, die warme Luft wie eine Umarmung, vor mir das unwahrscheinliche Blau des Meeres, mehr ein Zustand als eine Farbe, über mir das wilde rot-orange Blühen des Tulpenbaumes, und das Rauschen der Palmen. Und ich dachte, hier bleib ich, hier geh ich nie wieder weg.

An der Elbe

Im selben Moment, als dieser Gedanke durch meinen Kopf ging, wußte ich schon, daß er ganz falsch war. Ich würde immer wieder zurückkommen zur Familie, zu unserem Haus, das in Ermangelung von Baumaterialien nur noch mit Liebe zusammenhielt, in mein kleines Dorf, wo alle sich kannten, zu dieser einsamen Landschaft im Elbe-Urstromtal, halbiert vom Grenzzaun. 

Dieser Grenzzaun, Streckmetall drei Meter hoch mit Stacheldraht, ich habe mich nie an an seinen Anblick gewöhnt, nicht einen Tag der mehr als 20 Jahre, die er stand.

Dann ging die Grenze auf, mein kleines Dorf war nicht mehr das Ende der Welt, sondern mitten in Deutschland. 
Die DDR-Bürger konnten endlich reisen. 
Ich arbeitete und forschte, in Irland, Chile, Peru, Südafrika, Angola, Äthiopien.  Und ich bin immer wieder nach Hause zurückgekommen. 
Die Idee, irgendwo anders zu bleiben, ging mir nie wieder durch den Kopf. 
Und schließlich wollte ich auch nicht mehr reisen.

*Britta’s Grenzaktion: Als 1974 der Grenzzaun auf dem Deich gleich vor dem Haus der Kowalskis errichtet wurde, war Britta und ihren Geschwistern der Zugang zu ihren Spielwiesen an der Elbe abgeschnitten. Die 10-jährige Britta war darüber so erzürnt, daß sie Dutzende von Pappen mit “Der Zaun muss weg!” beschriftete und überall im Dorf anbrachte.  Dies hatte fast zur Folge, dass die Kowalskis aus dem Grenzgebiet ausgewiesen wurden. Mehr dazu im Buch…

One thought on “Britta Kowalski: Heimat


  1. Hey Kerstin,
    sehr schön … besonders die Schilder der zehnjährigen berühren mich. Danke für die Inspiration und Geschichten.
    Liebe Grüße
    Stefan

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